Präsidentschaftswahlen in Belarus: Brutales Einschreiten der Sicherheitskräfte, Opposition in Haft

21. Dezember 2010

(Länderbericht Belarus der Konrad-Adenauer-Stiftung, 20. Dezember)

Die Präsidentschaftswahlen in Belarus bedeuten einen großen Rückschritt für das Land: Nach drei Monaten eines relativ liberalen Wahlkampfes eskalierte am 19. Dezember nach Schließung der Wahllokale überraschend die Situation. Etwa 20.000 Menschen waren im Zentrum von Minsk zu einer friedlichen Demonstration zusammengekommen. Sie forderten Neuwahlen ohne Beteiligung von Lukaschenko. Auf dem Weg zur Kundgebung war bereits einer der Oppositionskandidaten krankenhausreif geschlagen worden. Gegen 22.00 Uhr begannen Provokateure, die Türen zum Regierungsgebäude einzuschlagen. Spezialeinheiten der Polizei lösten die Kundgebung daraufhin gewaltsam auf, zahlreiche Demonstranten wurden zum Teil schwer verletzt. In der Nacht wurden Hunderte Personen festgenommen, darunter acht der neun Oppositionskandidaten sowie die Koordinatoren der unabhängigen Wahlbeobachter. Nach offiziellen Angaben der Zentralen Wahlkommission entfielen auf Lukaschenko 79,67 % der Stimmen.

Großkundgebung der Opposition

Am 19. Dezember fanden in der Republik Belarus Präsidentschaftswahlen statt. Neben Amtsinhaber Lukaschenko, der zum vierten Mal antrat, stellten sich neun unabhängige Kandidaten zur Wahl. An den fünf Tagen vor dem 19. Dezember hatten 23,1% ihre Stimme vorzeitig abgegeben und damit gut 8 % weniger als bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2006. Der Wahltag selbst verlief ruhig, jedoch wartete das ganze Land mit Spannung auf die Kundgebung am Abend. Die Opposition hatte geschlossen aufgerufen, um 20.00 Uhr auf den Oktoberplatz zu kommen zu einer friedlichen Demonstration. Die zentrale Frage war, wie viele Menschen diesem Aufruf folgen würden. Auf dem Weg zur Kundgebung war kurz zuvor einer der Oppositionskandidaten, Wladimir Neklajew, von Sicherheitskräften brutal zusammengeschlagen worden. Auf dem Oktoberplatz, auf dem eine große Eisbahn angelegt worden war und der von Lautsprechern mit russischer Pop-Musik beschallt wurde, versammelten sich zunächst nur wenige Menschen. Die Menge schwoll allerdings sichtlich an, als beschlossen wurde, zum Unabhängigkeitsplatz zu marschieren. Dort hatten sich gegen 21:30 Uhr gut 20.000 Menschen versammelt. Die Kundgebung verlief zunächst vollkommen friedlich, die zentrale Forderung der Demonstranten war Neuwahlen ohne die Beteiligung von Lukaschenko. Gegen 22:30 begann dann eine Gruppe von etwa 15 Provokateuren, die Türen zum Regierungsgebäude einzuschlagen, in dem sich auch die Zentrale Wahlkommission befand. Kurz darauf griffen die Sicherheitskräfte ein und lösten die Kundgebung gewaltsam auf. In der Nacht kam es zu zahlreichen Festnahmen, der christdemokratische Präsidentschaftskandidat Rymaschewski wurde beim Verlassen des Krankenhauses inhaftiert, wo er seine Verletzungen hatte behandeln lassen, der Kandidat Michalewitsch wurde festgenommen, als er verletzten Menschen helfen wollte, ins Krankenhaus zu gelangen. Zahlreiche Wohnungen und Büros der Opposition und von Wahlbeobachtungsinitiativen wurden in der Nacht durchsucht und Computer konfisziert. Der Vorsitzende des europäischen Parlamentes, Jerzy Buzek, hat das Vorgehen der Sicherheitskräfte in der Nacht massiv verurteilt. Mit Blick auf den Angriff gegen Neklajew erklärte Buzek, die feige Attacke gegen einen schutzlosen Präsidentschaftskandidaten sei beschämend.

Das Ergebnis

Gegen 05:00 Uhr morgens verkündete Lidia Jermoschina, die Leiterin der Zentralen Wahlkommission, das vorläufige Ergebnis der Wahlen, das auf der „Auszählung“ von über 99% der Stimmen basierte. Demnach entfielen auf die einzelnen Kandidaten folgende Prozentanteile:

  • Alexander Lukaschenko: 79,67 %
  • Grigorij Kostusew: 1,97 %
  • Ales Michalewitsch: 1,2 %
  • Wladimir Nekljajew: 1,77 %
  • Jaroslaw Romantschuk: 1,97 %
  • Witalij Rymaschewskij: 1,1 %
  • Andrej Sannikow: 2,56 %
  • Nikolai Statkewitsch: 1,04 %
  • Victor Tereschtschenko: 1,08 %
  • Dmitri Uss: 0,48 %
  • Gegen alle stimmten 6,47 %

Nach Angaben einer Reihe unabhängiger Wahlbeobachter war die Auszählung der Stimmen nach Schließung der Wahllokale lediglich inszeniert. Die verkündeten Ergebnisse hätten mit dem auf dem Stimmzettel geäußerten Wählerwillen nichts zu tun. Die Tatsache, dass am Abend 20.000 Menschen auf die Straße gingen und Neuwahlen forderten, ist ein sehr viel deutlicher Indikator für die Stimmung im Land: Der stärkste Eindruck während der drei Monate eines relativ offenen Wahlkampfes war in der Tat die Müdigkeit die Menschen von Lukaschenko und ihre Sehnsucht nach einem Wechsel.

Wahlbeobachtung: OSZE, GUS

Die internationale Wahlbeobachtermission von ODHIR und der parlamentarischen Versammlung der OSZE hat heute Mittag in einer vorläufigen Stellungnahme betont, dass die Wahlen in Belarus weiterhin nicht den OSZE-Standards entsprechen: „Die gestrigen Präsidentschaftswahlen haben gezeigt, dass vor Belarus immer noch ein weiter Weg liegt, wenn es seinen Verpflichtungen im Rahmen der OSZE angemessen nachkommen will, wenngleich es einige konkrete Verbesserungen gegeben hat“, heißt es in der Erklärung.

Wie soll die EU reagieren?

Europa kann den unmittelbaren Verlauf und das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen in Belarus nicht anerkennen. Außerdem muss gefordert werden, dass alle politischen Inhaftierten umgehend freigelassen und die direkt sowie indirekt politisch Verantwortlichen für die Ereignisse in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember benannt werden. Dennoch wäre es falsch, jetzt wieder mit Sanktionen zu drohen und Belarus zurück in die Isolation fallen zu lassen. Damit würde man den Hardlinern im Land einen Gefallen tun und die wachsenden Anzahl von Menschen alleine lassen, die einen Wechsel im Land wollen und die die Zukunft ihres Landes in absehbarer Zeit in Europa sehen. Europa sollte die Ereignisse in Minsk als Signal verstehen, sehr viel aktiver und aufmerksamer auf diese weitgehend vergessene Region in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu blicken, und es wird sich überlegen müssen, wie es der großen Zahl an europäisch gesinnten Menschen in den nächsten Monaten beistehen kann.


Demonstranten wollen sich um 18 Uhr erneut versammeln

20. Dezember 2010

Die mehreren zehntausend Demonstranten wollen sich von der Polizeigewalt nicht einschüchtern lassen und nicht aufgeben, sie wollen ihren Protest heute (Montag) um 18 Uhr (Ortszeit) fortsetzen. Als Treffpunkt wurde der Platz der Unabhängigkeit in Minsk vereinbart, obwohl auch hier am ersten Abend der Demonstrationen Teilnehmer brutal von Polizisten zusammengeschlagen wurden. Rymaschewskij rief stellvertretend für einen Großteil der Oppositionskandidaten dazu auf, sich an der morgigen Kundgebung zu beteiligen.

Quelle: Office for a Democratic Belarus

Quelle: Office for a Democratic Belarus

Derweil berichtet Naviny.by, dass der Vorsitzende des Belarussischen Helsinki-Komitees, Oleg Gulak, von Polizisten festgenommen wurde. Witalij Rymaschewskij wurde beim Verlassen des Krankenhause ebenfalls von Polizisten abgeführt, so dass mittlerweile mindestens vier Oppositionskandidaten inhaftiert sind. Nekljajew scheint noch im Krankenhaus zu liegen und bislang nicht verhaftet worden zu sein.

„Der Spiegel“ hat in einem aktuellen Artikel die Geschehnisse des Abends zusammengefasst, Bilder und Videos der Demonstration in Minsk finden Sie auf der Internetseite des „Office for a Democratic Belarus“.


20.000 Demonstranten auf dem „Square“

19. Dezember 2010

Nach Angaben der Opposition haben sich ca. 20.000 Menschen auf dem Oktoberplatz versammelt (Update 22:32 MEZ: „Die Welt“ spricht mittlerweile von ca. 40.000 Demonstranten). Die Demonstranten demonstrieren in überwiegender Mehrheit friedlich. Ein Teil von ihnen soll gegen 22.15 Uhr (Ortszeit) begonnen haben, die Türen eines Regierungsgebäudes einzutreten und Scheiben einzuschlagen. Oppositionskandidaten vermuten Sicherheitskräfte in Zivil hinter den Vorfällen. Sie forderten die Demonstranten auf, keine Gewalt anzuwenden und sich nicht an solchen Aktionen zu beteiligen. Andere Quellen berichten davon, dass eine Gruppe der Demonstranten sich dazu entschlossen habe, das Regierungsgebäude zu stürmen. Ob der Oppositionskandidat Sannikow an dieser Aktion beteiligt war, ist aktuell nicht klar. Das Handynetz auf dem Oktoberplatz bricht immer wieder zusammen.

Wladimir Nekljajew liegt weiterhin mit Gehirnerschütterung und Verdacht auf Schädelhirntrauma im Krankenhaus. Der Leiter seiner Initiativgruppe, Andrey Dimitrijew teilte mit, dass neben Nekljajew etwa 15 Personen leicht bis schwer verletzt wurden und ca. 50 Aktivisten festgenommen wurden. Wie die New York Times mittlerweile bestätigt hat, wurden auch ein Reporter und ein Fotograph der Zeitung zusammengeschlagen. Die Polizeikräfte hätten die Gesicher der Personen minutenlang in den Schnee gedrückt, bevor sie abzogen.


„Fragwürdiger Rekord bei vorzeitiger Stimmabgabe?“

17. Dezember 2010

Gestern Abend lag die Beteiligung an der vorzeitigen Stimmabgabe bereits bei 11,7% und damit erneut höher als bei der Präsidentschaftswahl 2006, damals lag sie du diesem Zeitpunkt bei 9,1%. Menschenrechtler und Oppositionspolitiker rechnen mit einem „fragwürdigen Rekord bei der Wahlbeteiligung an der vorzeitigen Stimmabgabe“ – 2006 nahmen insgesamt 31,3% daran teil, und damit fast jeder Dritte. In einigen Wahlkreisen, beispielsweise in überwiegend studentisch bewohnten Gebieten in Gomel, liegt die Wahlbeteiligung jetzt bereits bei nahezu 50%.

Die Vorsitzende der Zentralen Wahlkommission, Lydia Jermoschina, hat heute bekannt gegeben, dass am Wahlabend unmittelbar nach Schließung der Wahllokale um 20 Uhr erste Trends veröffentlicht würden. Vorläufige Zahlen würden um ca. 23 Uhr feststehen, um 23.30 Uhr plane Sie vor die Presse zu treten. Aufgrund der hohen Anzahl an Kandidaten, werde es wohl eine längere Wahlnacht werden, als noch 2006. Um drei oder vier Uhr morgens werde es eine weitere Pressekonferenz geben, am 20. Dezember um 10 Uhr würden die Medien dann erneut informiert.

In Belarus wird mehr und mehr über die Frage diskutiert, wie viele Wähler am Sonntag auf den „Platz“ (gemeint ist damit der Oktoberplatz, wo es bereits 2006 zu Protesten nach der Wahl kam) kommen werden, um „ihre Wahl zu verteidigen“. Drei der unabhängigen Kandidaten, Rymaschewskij, Nekljajew und Sannikow, traten heute gemeinsam auf dem Platz der Freiheit auf. Mehrere tausend Zuhörer waren gekommen und hörten, wie Nekljajew „Neuwahlen ohne die Beteiligung von Lukaschenko am 19. März 2011“ forderte.


Livestream vom Oktoberplatz in Minsk

24. November 2010

Etwa 400 Personen haben sich auf dem Oktoberplatz versammelt, hauptsächlich Unterstützer von Witalij Rymaschewskij. Das Medieninteresse ist hoch: Zahlreiche Journalisten, Kamerateams und Fotografen sind vor Ort. Der Oktoberplatz scheint umstellt zu sein, es sind viele Männern in schwarzen Mänteln zu sehen, die wohl probieren, so wenige Personen wie möglich auf den Platz zu lassen.

Naviny.by hat einen Livestream vom Oktoberplatz eingerichtet.

Auf Youtube gibt es erste Videos der Versammlung.